Home » Spiritualitaet und Jyotish

Spiritualitaet und Jyotish

 

Was empfinden Sie, wenn Sie das Wort Spiritualität hören?

“Spiritualität ist das Ego dass sich der Frustration seiner eigenen Borniertheit bewusst wird und dem versucht es zu entfliehen. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Doch wohin wir auch gehen, wir nehmen uns immer mit.” (Ernst Bloch)

Durch die Beobachtung der Kirchenpolitik der letzten Jahrzehnte während des Astrologiestudiums ist mir aufgefallen, dass inzwischen sogar die traditionellen christlichen Kirchen – vor allem die Absplitterungen mit junger Zielgruppe, versuchen den Begriff einer sog. „christlichen Spiritualität“ zu bedienen.

Puja in Hosur

Puja in Hosur

Meist wird er nicht weiter erläutert, sondern trägt sich durch seinen eigenen bizarren Klang. Er lebt von der kollektiv empfundenen Exotik und Verführung, die mit ihm schwingt und vielleicht auch von der Unergründbarkeit und der immanenten Befremdlichkeit. Vor allem aber lebt ein solches Wort von Missverständnissen darüber, was der Begriff in dem Kulturraum bedeutet, von dem er entliehen ist.

Ohne Zweifel erkennt man daran, dass es sich um eine geschäftsträchtige Materie  handeln muss, wenn selbst die hiesigen Kirchen inzwischen danach greifen und ihn marketingstrategisch einsetzen, womit sie gleichzeitig den common sense des theologischen Kanon und damit ihre eigene Dogmatik ad absurdum führen.

Walter Nigg, ein sehr bekannter Religionskritiker hat dazu angemerkt:

Der Problemgegenstand ist die Preisgabe des Göttlichen. Die Heiligen der Kirche widerlegen unwiderruflich die Auffassung, dass das Göttliche lediglich in der Vergangenheit Gestalt angenommen und dann von der Erde verschwunden sein soll. Eine Meinung, die den Tod aller Religiosität bedeutet, (womit er Spiritualität gemeint haben dürfte). Eine Gesellschaft kann dieser Preisgabe auf Dauer nicht entbehren.

Dies genau tun aber westliche Kulturen.

Spiritualität ist  einer der wichtigsten und emotionalsten Aspekte des menschlichen Lebens.

Abgesehen von der bedauerlichen Entwicklung zunehmenden Stress´, der damit verbundenen Erkrankungen und soziologischen Folgen und abgesehen davon, dass  sich der Fokus scheinbar ungebrochen in eine Einbahnstrasse von zunehmendem Materialismus konzentriert; man sieht neben steigenden Kirchenaustrittszahlen ein ebenso wachsendes Interesse an einem Ausgleich auf der Ebene religiöser und philosophischer Themen, die eine Renaissance erleben. Viele der östlichen Lehren halten im Westen intensiv Einzug in den Alltag der Menschen und inzwischen ist Esoterik zu einer Multimilliardenindustrie geworden.

Aber an welchen Stellen haben diese Entwicklungen etwas mit Spiritualität zu tun und worin unterscheidet sie sich von kitschiger Esoterik, die Augenwischerei betreibt und damit auf einer abenteuerlichen und fragwürdigen Ebene die Mündig-  und Entscheidungsfähigkeit schwächt?

Ein Blick auf die hindiustische Trivargalehre, auf der auch Jyotish beruht, bringt uns gerade aus astrologischer Sicht zum Begriff Spiritualität. Und sie eröffnet damit eine Annäherung, die den ewigen Lauf der Planeten beobachtet; eine der wenigen Konstanten unseres menschlichen Referenzrahmens. Ohne Einbeziehung kulturphilosophischer und kultureller Standards, innerhalb derer Astrologie einen nicht zu unterschätzenden Platz einnimmt, verweigert  sich ein Begriff solcher Tragweite wie Spiritualität anderenfalls einem Kulturimport auf fremdes Gebiet.

Die Trivargalehre oder die hinduistischen Ziele als Basis des vedischen Horoskopes:

  • Dharma: Häuser 1, 5 und 9 des Horoskopes (Gesetz, persönliche Bestimmung)
  • Artha: Häuser 2, 6 und 10 des Horoskopes (Besitz, materielle Versorgung)
  • Kama: Häuser 3, 7 und 11 des Horoskopes (Spaß und Vergnügen)

In sehr einfachen Worten besagt diese Lehre:

Wenn ein Mensch seine ihm zugedachten Aufgaben erkennt, annimmt und realisiert, den individuellen und persönlichen Grund, wozu er in dieses Leben inkarniert ist, wie er ist und wozu er hier ist (sein Dharma, nicht zu verwechseln mit Karma), dabei seine eigenen Stärken und Schwächen akzeptiert und respektiert ohne dabei anderen Menschen zu schaden, dann ist ihm im Rahmen des ihm und seiner Familie Möglichen, eine materielle Versorgung, ein Ein- und Auskommen auf der Basis seiner Fähigkeiten (Artha) sicher.

Wer hingegen adharmisch handelt, dem wird das nicht gelingen. Die Beachtung des  persönlichen Dharmas wird als höchstes Gut erachtet.

Mudra

Navagraha- Puja in Hosur

Er soll dabei die Grenzen und Gewichtungen nicht einseitig auf bevorzugte Lebensgebiete verlagern, soll aber sehr wohl auch Spaß, Spiel (auch Sexualität) und gesellschaftlichen Austausch und Freuden (Kama) genießen .

Wenn ihm zwischen diesen Polarisierungen ein Gleichgewicht gelingt (was wir im Christentum eventuell mit der Idee einer gottesfürchtigen und an der christlichen Ethik orientierten Lebensweise wieder finden), dann ist ihm nicht nur ein ungleich höheres Maß an Lebenszufriedenheit sicher, sondern dann kann er „Erlösung“, Loslösung der materiellen, irdischen Fesseln erlangen (Moksha).

Diesen Erkenntnis- Entwicklungs- und Veränderungs -Prozess, der das Gleichgewicht dieser sehr unterschiedlichen Ausrichtungen des Lebens herstellt,  können wir in seiner Gesamtheit als spirituellen Prozess und mit entsprechenden Bemühungen verbunden als spirituelle Praxis bezeichnen. Das ist oft nicht leicht, denn viele Jahre verbringt der Mensch in einer Art Betriebsblindheit, der mangelnden Sicht in das was gern als das „Hamsterrad des Lebens“ bezeichnet wird. Vor allem soll dieser Prozess weder in Frustrationen noch in Resignationen münden sondern dazu führen, ein solideres und authentisches Glücksempfinden zu Lebzeiten zu entwickeln ohne sich auf ein paradisisches Heilsversprechen vertrösten zu lassen, wie es die allermeisten westlichen Religionen tun. Andererseits kann und soll der Prozess auch zu etwas mehr Demut führen, wenn die Dinge, die man sich verspricht, sich nicht einstellen mögen, anstatt womöglich daran zu erkranken oder in tiefes Unglück zu stürzen. Der indische Astrologe hat unter anderem die Aufgabe, die Zeitphasen zu bestimmen, in denen sich zu den entsprechenden Lebensthemen der Erfolg am wahrscheinlichsten einstellt und sich somit Aufwand und Mühen in unterschiedlichste Richtungen als lohnenswert abbilden lassen.

Bei diesem Prozess bleibt der Mensch natürlich derselbe, kann aber zu neuen und veränderten Sichtweisen zu sich selbst, seinem Schicksal und zu den Prozessen die sein Leben beeinflussen, gelangen. Und er wird sich bewusster mit den Themen auseinandersetzen, die ihm bis zu diesem Zeitpunkt eine einseitige Verlagerung zwischen diesen Polen und damit einen konstruktiven Ausgleich versperrt haben. Und ganz sicher wird er auch ein verfeinertes Gespür für die entscheidenden Momente im Leben gewinnen, an denen sich Entwicklungs- und „Schicksalsaugenblicke“ festmachen und diese bewusster selbst steuern und lenken und sich weniger ausgesetz fühlen.

lesen Sie hier Besucherstimmen